[gelesen] Dry von Neal Shusterman & Jarrod Shusterman

Rezensionsexemplar

© Fischer
Dry
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Autoren: Neal Shusterman & Jarrod Shusterman
erschienen Mai 2019
448 Seiten
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Fischer Sauerländer

erschreckend

Nach einer wochenlangen Trockenzeit sind die Gärten Kaliforniens braun. Die Flüsse führen immer weniger Wasser.
Und irgendwann, mitten im Juni, kommt aus Alyssas Wasserhahn gar kein Wasser mehr. Als der Teenager sich mit ihrem Onkel auf den Weg in den Supermarkt macht, stehen sie auch dort vor leeren Regalen. Hilfe von der Regierung kommt nicht. Es dauert nicht lange, bis komplettes Chaos ausbricht.

Das ganze Szenario ist unglaublich erschreckend – und problemlos vorstellbar.
Kaum ist das Wasser abgedreht, werden die Menschen unruhig. Jeder denkt nur noch an sich selbst. Schubsen und Drängeln im Supermarkt. Planlose Flucht aus der Region. Und je länger der Zustand anhält, desto mehr schwindet die Menschlichkeit. Je größer der Durst wird, desto mehr Menschen verwandeln sich in Bestien, die für einen kleinen Schluck Wasser bereit sind, ihre Mitmenschen aufs Übelste zu betrügen oder gar über Leichen zu gehen. Es ist ein Kampf ums Überleben, bei dem jeder nur an sich und seine Nächsten denkt. Und auch die eigentlichen Helfer, das Militär- und Rettungskräfte sind mit der Situation komplett überfordert. Nur wenige Menschen sind bereit, sich auch um andere zu kümmern. Doch nicht immer hat der Versuch, zu helfen auch den gewünschten Effekt.

Erzählt wird die Geschichte zunächst aus der Ich-Perspektive der 16-jährigen Alyssa und ihrem Nachbarn und Mitschüler Kelton, die sich zusammentun, um gemeinsam mit Alyssas Bruder zunächst nach deren Eltern, später nach einer Lösung zu suchen. Im Verlauf kommen weitere Kapitel aus der Sicht von Mitreisenden hinzu.
Dazwischen gibt es immer wieder kleinere „Shanpshots“ in der personalen Erzählweise von anderen Figuren, die ebenfalls von der Wasserknappheit betroffen sind: Reporter, die sich dagegen auflehnen, beschönigte Nachrichten zu senden, Piloten von Wasserflugzeugen oder einfach Bürger, die ebenso verzweifelt wie Alyssa einen Ausweg suchen.
Viele dieser Figuren tauchen auch in der eigentlichen Handlung um die Hauptfiguren kurz auf. Dabei fand ich es gleichermaßen erschreckend wie faszinierend, wie die Shustermans diese Figuren wieder einbinden und dabei aufzeigen, wie unterschiedlich die Schicksale der Menschen sind und was die jeweiligen Erlebnisse mit ihnen machen und zu welchen Mitteln sie nach stundenlangem Durst teilweise bereit sind.

Mit Alyssa und Kelton treffen zwei total unterschiedliche Hauptfiguren aufeinander. Alyssa führt ein behütetes Leben. Sie möchte den Nachrichten glauben, dass Hilfe bereits unterwegs ist. Ihre Sorge gilt vor allem ihrem jüngeren Bruder, für den sie sich verantwortlich fühlt. Ihren Nachbarn Kelton hält sie zunächst für einen Freak. Denn Kelton ist mit diesem ganzen Weltuntergangsszenario aufgewachsen. Jahrelang hat sein Vater sich und die Familie auf eine Katastrophe vorbereitet, Vorräte angelegt und das Haus entsprechend gesichert. Doch auf das, was dann passiert, konnte niemand vorbeireitet werden…
Im Verlauf kommen noch weitere Weggefährten hinzu, die mit der Situation ganz unterschiedlich umgehen und teilweise mit ihren Handlungen überraschen.

Das Buch ist definitiv keine leichte Kost. Dass es keine Fantasygeschichte und auch keine Dystopie im klassischen Sinne ist, sondern das Szenario quasi jederzeit theoretisch möglich wäre, macht die ganze Atmosphäre noch bedrückender. Immer wieder bin ich beim Lesen abgeschweift und habe überlegt, wie begrenzt unsere eigenen Vorräte im Katastrophenfall wären.
Das Abschweifen lag allerdings nicht daran, dass die Handlung langweilig war. Zwar gab es hin und wieder kleine Passagen, in denen ich die Gedankenspiele der Figuren etwas zäh fand, aber insgesamt ist das Geschehen durchweg spannend, weil ich einfach wissen wollte, wie es Alyssa und ihren Freunden ergeht, wann endlich Hilfe eintrifft oder wie viel Schreckliches vorher noch passieren muss.
Denn die Teenager erleben auf ihrer Reise einige grausame Dinge. Doch hin und wieder machen sie auch gute Erfahrungen, die Hoffnung geben. Treffen Menschen, die sich für fremde einsetzen und Hilfe anbieten und damit im kleinen Kreis großes leisten.

Das Ende empfand ich im Verhältnis zu der ganzen grausamen Geschichte etwas zu rosig – was sich spoilerfrei nur schwer erklären lässt.
Für mich hätten die Autoren hier zumindest gern etwas drastischer sein dürfen, da ich dies nach den Geschehnissen als realistischer empfunden hätte.

Fazit

Schauriges, erschreckendes Szenario, dass zusätzliche Faszination dadurch erhält, dass es grundsätzlich zur Realität werden könnte.
Insgesamt passiert in der Handlung gar nicht soooo viel – und genau das ist das Problem. Weil die Hilfe auf sich warten lässt, drehen viele Menschen völlig durch und sind zu grausamen Taten bereit, von denen auch Alyssa und ihre Weggefährten nicht verschont bleiben. Hin und wieder fand ich die inneren Monologe etwas zu lang, insgesamt konnte mich das Buch aber fesseln, da ich unbedingt wissen musste, wie es ausgeht – letztlich finde ich das Ende im Verhältnis zu allem, was passiert, aber zu idyllisch.
Total spannend fand ich auch die Art, wie weitere Figuren über kleine Zusatzkapitel vorgestellt und ihre Entscheidungen in Kurzform in die Handlung eingebunden wurden.

Ich danke dem Verlag für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.

2 thoughts to “[gelesen] Dry von Neal Shusterman & Jarrod Shusterman”

  1. Liebe Anja,

    eine sehr schöne Rezension. Das Buch sieht man ja in letzter Zeit überall und bei all den begeisterten Stimmen, werde ich wohl auch nicht mehr um das Buch herumkommen. Es klingt aber auch einfach so gut.

    Liebe Grüße
    Jenny

    1. Hallo Jenny,

      ich kann die begeisterten Meinungen auf jeden Fall total nachvollziehen – verstehe aber auch die Kritiker ein Stück weit.
      Dry ist halt trotz der heftigen Thematik ein Jugendbuch.

      Ich musste beim Lesen immer mal wieder an Blackout von Marc Elsberg denken – das hat eine ähnliche Thematik (dort ist ein großflächiger Stromausfall der Ausgangspunkt der Katastrophe), allerdings ist es ein Thriller und dadurch nochmal deutlich härter und komplexer. Auf jeden Fall auch sehr empfehlenswert.

      LG Anja

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