[gelesen] Herrscher der Gezeiten von Nichola Reilly

Herrscher der Gezeiten
Autor: Nichola Reilly
erschienen Januar 2015
ISBN: 978-3-95649-106-1
 © Darkiss


Düster aber faszinierend
Das Leben der Bewohner Tides richtet sich vollständig nach
dem Wasser. Bei jeder Flut sammeln sich die knapp 500 Bewohner des Dorfes auf
einer runden Plattform – neben dem Turm des Königspalastes der einzige Ort, der
Schutz vor den Fluten und den darin lebenden Ungeheuern bietet. Doch der Platz
ist begrenzt, das Wasser drängt immer dichter und der Neid auf die mittleren
Plätze ist groß.
Die Kinder bekommen die besten Plätze, sodass die 15-jährige
Coe bisher noch relativ sicher ist. Doch das Schicksal hat das Mädchen schwer
gezeichnet und stellt ihr keine besonders positive Zukunft in Aussicht. Als
dann der Zustand des Herrschers zusehends schlechter wird, bricht das Chaos aus
und Coe und ihr Schwarm Tiam geraten mitten in den Konflikt.
Nichola Reilly erschafft ein ungewöhnliches Szenario, dessen
Schrecken sich erst nach und nach offenbaren. Die Umstände, unter denen die
Menschen leben, sind kaum vorstellbar, umso faszinierender sind diese
Lebensbedingungen aber auch. In regelmäßigen Abständen werden alle Gebäude
überflutet, die einzig halbwegs trockenen Gegenstände tragen die Bewohner in
Taschen bei sich. An Technik und Schule ist nicht zu denken, auch Zuneigung und
Liebe kennen die Menschen nicht. Für die Bewohner gilt es nur, Tag für Tag
sowohl den Hunger als auch die Gezeiten zu überleben.
Coe ist die Ich-Erzählerin der Geschichte, was einen
eingeschränkten Blick auf die Handlung mit sich zieht, aber tiefe Einblicke in
die Gedanken des Mädchens ermöglicht. Da Coe aus Erzählungen ihres Vaters und
Büchern relativ viel weiß, erfährt man als Leser durch sie einiges über die
Geschichte ihrer Insel und der Königsfamilie, wobei Coe selbst noch gar nicht
ahnt, was der Herrscher alles verbirgt.
Sie ist ein spannender Charakter, ein mutiges Mädchen, dass
trotz seiner Einschränkungen nicht aufgibt. Im Gegensatz zu ihren Mitmenschen,
lässt sie Gefühle zu, obwohl dies als Schwäche ausgelegt wird – gleichzeitig
verleiht es ihr die Kraft, eigentlich Unmögliches zu vollbringen.
Coe hat eine angenehme Erzählweise. Sie beobachtet ihre
Umwelt sehr genau, was bildhafte Beschreibungen zur Folge hat. Der Schreibstil
ist flüssig und leicht zu lesen. Für Aufheiterung sorgt, dass viele Begriffe,
die für uns alltäglich sind, bei den Bewohnern in Vergessenheit geraten sind.
Und so muss Coe, wenn sie den anderen Kindern Geschichten erzählt, auch schon
mal das ein oder andere Wort erklären, was ihr selbst nur aus Erzählungen
geläufig ist, sodass ein Huhn auch schon mal dem Vergleich mit einer Seemöwe
standhalten muss.
Die Geschichte ist, schon allein aufgrund der tragischen
Lebensverhältnisse, von Beginn an sehr interessant, auch wenn mir lange nicht
klar war, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln wird. Relativ
ausführlich bekommt man zunächst einen Einblick in Coes tägliche Routine, bevor
sich ihr Leben schlagartig ändert und der Geschichte eine ganz neue Richtung
gibt. Viele Entwicklungen kommen unerwartet und sorgen für zusätzliche
Spannung, wobei ich mit der Auflösung des Endes noch ein wenig hadere und
gespannt bin, wie sich all die offenen Fragen und Handlungsstränge im nächsten
Band entwickeln werden.

Coe ist eine sympathische Protagonistin in einer erschreckenden
Welt. Sie schlägt sich tapfer durch die Handlung, muss aber immer neuen Widerständen
entgegentreten und ungewöhnliche Entdeckungen machen. Dies sorgt für eine
abwechslungsreiche Handlung, die spannende Lesestunden bringt. Das Ende ist
allerdings sehr offen und lässt den Leser mit vielen Fragen und Erwartungen
zurück.

Vielen Dank an Darkiss und Blogg dein Buch für das
Rezensionsexemplar.

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